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(K)eine Frage von Größe

(K)eine Frage von Größe

Caleb war groß und ich war klein. Das war weder eine Sache der Anschauung, noch war es übertrieben. Und eins war es keineswegs: Lustig.
Mit meinen 148 Zentimetern Körpergröße war ich gerade so der Kleinwüchsigkeit von der Schippe gesprungen, wie mein Vater zu sagen pflegte. Es war nicht etwa so, dass ich mich nicht richtig entwickelte, knubbelige Arme und Beine hatte oder wie ein Zwerg aussah. Wie alle andere Mädchen in meinem Alter hatte ich irgendwann den ersten BH gebraucht, bekam Menstruationsbeschwerden und durchlebte die Pubertät mit all ihren Pickeln, Stimmungsschwankungen und Hormonschüben. Mein Körper hatte sich eines Tages einfach dazu entschlossen, nicht mehr zu wachsen. Ich war feingliedrig und zierlich und meine Körperproportionen waren relativ ausgeglichen, wenn man einmal davon absah, dass ich ziemlich unattraktive Knie hatte. Aber damit konnte ich leben. Wie man also sieht, kam ich äußerst gut mit meinem kleinen (haha, Ironie) Problem zurecht. Zumindest solange, bis ich Caleb traf …
Es war mein sechzehnter Geburtstag und ich konnte mich nicht erinnern, ihn eingeladen zu haben. Wie schon die Jahre zuvor feierte ich im großen Garten meiner Eltern, wo wir einige Holzbänke, Tische, Zelter und einen Grill aufgestellt hatten. Man sagt immer, dass man an einem Tag mit seiner Familie und an einem anderen mit seinen Freunden feiern sollte. Die wenigen, wirklich guten Freunde, die ich hatte und mit denen ich einen besonderen Tag wie diesen verbringen wollte, hätten jedoch einen jämmerlich kleinen Haufen abgegeben, sodass ich mich nicht groß beschwerte, als meine Mum vorschlug, zusätzlich sämtliche Tanten, Onkels, Großeltern, Vettern und Kusinen einzuladen. Offensichtlich ging der Plan ganz gut auf. Tante Mia zum Beispiel, ihres Zeichens berufene Kosmetikerin, redete mit Engelszungen auf meine Sandkastenliebe Thorben ein. Ich war mir aufgrund seines verlegenen Gesichtsausdrucks fast sicher, dass sie versuchte, ihm eine Gesichtsmaske gegen unreine Haut anzudrehen.
Er, von dem ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass er Caleb hieß, saß allein auf einer Bank und umklammerte eine Flasche V Plus Lemon. Er sah jung aus, hatte aber schon einen dichten Haarwuchs im Gesicht, der nicht mehr als Dreitagebart durchging. Seine Schultern waren wesentlich breiter als die aller meiner männlichen, eher schlaksigen Mitschüler. Irgendwie erinnerte er mich an Hagrid aus `Harry Potter´. Ich blieb direkt neben ihm stehen, und selbst im Sitzen überragte er mich um mehrere Zentimeter.

„Hallo“, setzte ich an. „Wer bist du?“
„Caleb“, antwortete er ohne aufzusehen.
„Caleb“, wiederholte ich. Den Namen hatte ich nie zuvor gehört. „Na ja … ähm … Schön, dass du hier bist.“
„Ich bin mit meinem Vater hier“, Mit einem lethargischen Nicken deutete er auf Claus, den neuen Lebensgefährten meiner Tante Susann.
Das erklärte, weshalb ich mich nicht erinnern konnte, ihn eingeladen zu haben. Wir kannten uns ja nicht einmal.
„Ich bin Peggy!“
„Wie das Schwein?“, Zum ersten Mal blickte er auf, und seine haselnussbraunen Augen sahen wacher aus, als ich erwartet hatte.
„Welches Schwein?!“
„Na ja, das, was immer diesen Frosch anbaggert.“
„Du meinst Miss Piggy“, Ich verdrehte die Augen, weil mir so langsam die Lust an diesem Gespräch verging. „Nein, ich heiße Peggy. Mit E. Ich bin diejenige, auf deren Party du bist. Diejenige, deren V Plus Lemon du trinkst. Diejenige, die Geburtstag hat.“
„Oh“, machte er wenig beeindruckt.
Ich wartete noch eine gefühlte Ewigkeit darauf, dass er mir gratulierte, doch als er sich ungerührt wieder seinem Bier zuwandte, stapfte ich davon.

Erst wesentlich später (nach dem Geschenke auspacken, Musik hören und einer äußerst peinlichen Rede meines angetrunkenen Onkels, in der es darum ging, dass ich mir als Sechsjährige in die Hose gemacht hatte) fiel er mir erneut auf. Ich lief mit einem Müllsack durch den Garten, um benutzte Pappteller einzusammeln, als mir der Schatten auffiel, den seine große Gestalt auf den Rasen warf. Er hatte sich inzwischen – welch Wunder – von seinem abseits liegenden Platz auf der Bank erhoben und lehnte an der Hauswand, wodurch er einen Blick auf das Geschehen hatte, aber trotzdem ein Außenstehender blieb. Ich musste an ihm vorbei gehen, um zur Mülltonne zu gelangen, auch wenn mir der Gedanke irgendwie missfiel.

„Miss Piggy“, sagte er, als er mich bemerkte.
„Kermit“, grüßte ich kühl zurück.
„Haha, wie der Frosch“, Seine Lippen kräuselten sich. „Witzig bist du. Und klein.“
„Besser klein als ein Riese!“
„Riese ist übertrieben“, Er betrachtete mich amüsiert, während er an seiner Zigarette zog und einen Rauchkreis in die Luft blies. Mit aller Willenskraft musste ich ein Husten unterdrücken. „Riesen essen Leute wie mich zum Frühstück.“

Um ihm ins Gesicht zu blicken, musste ich den Kopf in den Nacken legen. Die Sonne brach sich in seinen Augen, die nunmehr grün zu sein schienen.

„Wie groß bist du?“, fragte ich ihn herausfordernd.
„Ich sage es dir, wenn du mir verrätst, wie klein du bist.“
„148 Zentimeter“, Ich zuckte mit den Schultern. „Das ist kein Geheimnis.“
„217 Zentimeter“, ergänzte er. „Vielleicht inzwischen zwei, drei mehr.“
„Du wächst noch?“
„Ich werde immer wachsen“, antwortete er grimmig.
„Und das weißt du?“
„Das sagen die Ärzte.“
„Du wirst wachsen, bis du hundert Jahre alt bist, Kermit?“
„Ich werde keine hundert Jahre alt, Miss Piggy.“

Ich betrachtete seine rechte Hand, die leicht zitternd die Zigarette hielt. Ein einziges Mal hatte ich geraucht. Ich hatte mich anschließend dreimal übergeben und es nie wieder getan.
Calebs Hände waren groß und behaart, außerdem fiel mir auf, dass er leicht gebückt dastand.

„Wie alt bist du?“, erkundigte ich mich vorsichtig.
„Siebzehn“, Er seufzte.
„Mit siebzehn sollte man Spaß haben“, Ich wollte ihn spielerisch gegen die Schulter boxen, erreichte jedoch nur seinen Ellbogen. „Hier ist eine super Party im Gange und du ziehst ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter.“
„Logisch. Ich werde sterben“, murmelte er sarkastisch.
„Wir werden alle sterben“, verbesserte ich ihn und griff nach seinem Arm, um ihn mit in die Menge zu ziehen.
Und im selben Moment, in dem ich begriff, dass ich ihn heute nicht zum letzten Mal sehen würde, wurde mir klar, dass er eines Tages ein riesiges (da ist sie wieder, die Ironie) Loch in mein Leben reißen würde.

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