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Carl kauft ein

Carl kauft ein

Carls Blick wanderte immer wieder zum Ziffernblatt seiner Armbanduhr, während die alte Dame vor ihm ihren Wocheneinkauf mit Kleinstmünzen bezahlte. Als hätte sie alle Zeit der Welt, wühlten sich ihre von blauen Adern durchzogenen Finger durch das Portemonnaie. Wie Spinnen! Fünf Cent. Zwanzig Cent. Zwei Cent. Ob es möglich war, dass sie an Altersschwäche starb, bevor sie bezahlt hatte?

Carl wandte den Blick von ihren Händen ab und betrachtete stattdessen die Einkäufe, die sie zuvor umständlich in ihren Wagen sortiert hatte; Brot mit einem Preisnachlassetikett, ein paar Dosen Katzenfutter, eine Strickzeitschrift, ein kleines Päckchen Lakritzschnecken. Fast überall prangten Aufkleber, die verkündeten, dass das Produkt bereits abgelaufen und deshalb preisgünstiger war. Carl seufzte innerlich. Nun tat sie ihm Leid! Und das, wo er doch eigentlich wütend war, weil sie ihn aufgehalten hatte.
Endlich bekam sie ihren Kassenbon in die Hand gedrückt und watschelte schwerfällig davon. Carl kam nicht umhin, seiner Erleichterung mit einem lautstarken Atemzug kundzutun. Die Verkäuferin grinste. Geschickt zogen ihre zierlichen Finger ein Produkt nach dem anderen über die Kasse.
Zehn Packungen Spaggetti – beep.
Fünf Dosen Raviolo – beep.
Drei große Tafeln Schokolade – beep.
Eine Kiste Limonade – beep.
„Na, da hat aber jemand eine große, hungrige Familie zuhause sitzen“, schmunzelte die Verkäuferin zwischen einem XXL-Paket Vanilleeis mit Schokostücken und drei Portionen Butter.
Carl nickte, ohne zu antworten. Sie würde das sowieso nicht verstehen. Schweigend stapelte er Würstchen, Chipstüten, Tiefühlpizzen und ganze Stapel an Käse in seinen Einkaufswagen und zahlte die dreistellige Summe, ohne mit der Wimper zu zucken.
Als er den Wagen aus dem Supermarkt schob, wehte ihm eine angenehm kühle Brise um die Nase. Unwillkürlich musste er an Rita denken. Ob sie überhaupt noch wusste, wie Wind sich anfühlte? Schnell verdrängte er den unangenehmen Gedanken. Rita ging es gut! Und außerdem war er ja auf dem Weg zu ihr, um sie zu trösten. Er lud die Einkäufe in seinen Wagen, ohne zu bemerken, dass die alte Frau von vorhin direkt neben ihm geparkt hatte. Mit zittrigem Lächeln wies sie auf ihren klapprigen alten Renault.
„Hat auch schon bessere Tage gesehen“, sagte sie.
Carl rang sich ein knappes Lächeln ab. Er verspürte weder den Drang, sich mit einer ihm völlig fremden Person zu unterhalten, noch wollte er unnötig lange von Rita getrennt sein. Die alte Frau linste in seinen Kofferraum.
„Oha, das werden aber doch nicht Sie alleine essen? So ein sportlicher, junger Mann! Sie ernähren sich doch bestimmt nur von diesen … Energy-Drinks!“
Sie sprach das Wort `Energy´ betont deutsch aus. Energie. Und das `i ´ im `Drinks´ klang wie ein `ü´. Carl schenkte ihr noch ein letztes gequältes Lächeln, dann brachte er den Einkaufswagen weg und setzte sich so schnell in sein Auto, dass die alte Frau kein Wort mehr über die Lippen brachte. Kurz stieg in ihm das schlechte Gewissen hoch – wie der Geschmack von Sahnehering, der einem noch den ganzen Tag nachging – dann dachte er an Rita. Seine Augen begannen zu glänzen, sein Gesicht entspannte sich zu einer liebevollen Grimasse.
„Rita, gleich bin ich da“, murmelte er und ließ den Motor an.
Als er die Haustür aufschloss, hörte er seine geliebte Ehefrau bereits atmen. Er musste sechsmal laufen, um all die Einkäufe aus dem Auto zu holen. Erschöpft, aber glücklich eilte er ins Wohnzimmer, nicht ohne das Paket Vanilleeis und einen großen Löffel aus der Küche mitzunehmen.
Rita saß noch genau in derselben Haltung in ihrem Sessel, in der er sie zurückgelassen hatte. Sie hatte sichtliche Atembeschwerden, aber die waren bei weitem nicht so schlimm wie die, die sie manchmal nachts beinahe sterben ließen. Ihre Arme ruhten auf den Lehnen, hatten dort schon Furchen hinterlassen. Das weiße Fleisch quoll über ihre Hand, sodass die einzelnen Finger kaum noch als solche zu erkennen waren. Sie schwitzte, obwohl es in der Wohnung angenehm kühl war.
Liebevoll drückte Carl ihr einen Kuss auf die Stirn, strich ihr das feuchte Haar hinter die Ohren und kniete sich zu ihren Füßen nieder. Wie sehr er sie liebte! Wie sehr er sie vergötterte! Und niemals würde sie ihn verlassen … niemals würde er sie mit jemandem teilen müssen.
Ein undefinierbarer Blick aus Ritas kleinen Schweinsäuglein glitt an ihm hinab, verharrte an dem Eis in seiner Hand. Eine kleine Träne bahnte sich ihren Weg über die fleischige Wange, rann über ihr erstes, ihr zweites, ihr drittes Kinn. Fast unmerklich schüttelte sie ihren Kopf, als Carl den Deckel von Eis nahm.
„Aber Liebling“, er tätschelte ihr Knie, das blau und grün war von ihrem letzten Sturz. Sie hatte versucht, alleine aufzustehen. Man kann nicht durch die Gegend hüpfen wie ein junges Fohlen, wenn man 283 Kilo wiegt. Das hätte ihr klar sein müssen!
„Aber Liebling“, wiederholte er. „Ich habe das doch extra für dich gekauft! Nur für dich. Weil ich dich so sehr liebe!“
Resignierend öffnete Rita ihre fleischigen Lippen einen Spalt weit.
„Braves Mädchen!“
Carl fütterte sie mit einem Löffel Vanilleeis. Es war ein bisschen angetaut, aber das machte nichts. Gefesselt vor Liebe beobachtete er, wie ihre Abwehr nachließ und ihre Mimik einen Ausdruck puren Genusses annahm…


Anmerkung: Der Protagonist dieser Geschichte leidet unter der tatsächlich existenten Krankheit `Feeder´. Es stellte sich heraus, dass die Männer, die an dieser Krankheit leiden, aus folgenden Gründen so handeln: Sie spüren eine übergroße Liebe gegenüber ihrer Frau sowie gleichzeitig die furchtbare Angst, von ihr verlassen zu werden. Um dies zu verhindern, `fesseln´ sie ihre Geliebte durch das Mästen am Haus und behalten sie so ganz für sich.
Krankheiten wie diese finde ich sehr interessant, was mich dazu inspiriert hat, dem Thema eine Geschichte zu widmen, in der ich mich mit der Sicht des Patienten befasse.

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